Montag, 12. Mai 2014

Conchita Wurst als Gradmesser - Kleiner Kommentar zum ESC 2014



 Bild (c) ap, FA KW

Es sei vorangestellt, dass der Autor dieser Zeilen kein unkritischer Anhänger der Theorie ist, dass die Geschlechtsidentität eines Menschen ausschließlich kulturell beeinflusst wird. Ebenso wenig glaube ich daran, die unbestreitbaren Unterschiede zwischen den Geschlechtern ausschließlich biologisch erklären zu können. Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen. Fest steht jedoch, dass Gesellschaften sich schwer tun, einmal festgefahrene Strukturen und Denkmodelle zu verlassen oder sie zumindest aufzubrechen. Der Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014 ist gerade deshalb bemerkenswert, weil man eine „Provokation“ gewürdigt hat.

Die Kinokette cinemaxx bietet turnusmäßig die sogenannte Ladies Night bzw.den Männerabend an. Bei ersterem gibt es zum Film eine Flasche Sekt und eine Ausgabe der Zeitschrift Gala dazu, bei letzterem ein Bier und ein Playboy-Magazin. Für die Frauen werden meist die neusten „romantic comedys“ gezeigt, die Männer werden oft mit Actionfilmen abgespeist. Das ganze Konzept ist angelegt als Klischee, als unhinterfragte Weiterschreibung von geschlechtlichen Stereotypen. Nun ist nichts gegen Frauen zu sagen, die bei einer seichten Komödie entspannt einen Sekt schlürfen oder Männern, die ihr Bier im Beisein von generischen Explosionen genießen wollen, es ist vielmehr die Ausschließlichkeit, die Festlegung auf ein vermeintlich zutreffendes Bild von Männern und Frauen, das aufstößt.

Wäre das Kino das einzige Reservat, in dem diese archaischen Zuschreibungen einmal die Woche noch greifen würden, wäre vermutlich nichts dagegen zu sagen, es wäre ein putziges Spiel mit längst überwunden geglaubten, betonartigen Zuschreibungen. Doch dem ist nicht so, alles hängt zumindest latent noch einer festen Rollenzuschreibung nach. Frauen mit eigenen Meinungen irritieren die Männer, Männer, die nicht dem Bild eines ständig nach Fleisch schmachtenden Fußballfans entsprechen werden argwöhnisch beobachtet – oftmals von beiden Geschlechtern. Es sind überkommende Ideen, die in den Köpfen herum spuken und unsere Gesellschaft braucht auch noch um 21. Jahrhundert eine Figur wie Conchita Wurst, hebt sie die als sicher geltenden Geschlechtsschranken doch vollkommen auf.

Selbstredend ist das Konzept nicht neu, weder das der Travestie noch des schrillen, durchaus provokativen Auftretens (wobei Conchita augenscheinlich nur durch ihre bloße Existenz bereits provoziert). Doch es ist ein Unterschied, wenn sich die Gesellschaft zur besten Sendezeit mit etwas auseinandersetzen muss, was sonst nur in bewusst gewählten Zirkeln geschieht.
„Conchita Wursts Auftritt beim ESC ist Körperpolitik nicht an der Uni, sondern im Mainstream.“, bemerkt Mithu Sanyal für WDR 5 sehr treffend und fügt nüchtern hinzu: „Und da gehört sie auch hin.“[1]

So macht auch der opulente Auftritt Sinn, steht er doch in direkter Tradition der Travestie – und weniger in der eines James-Bond-Intros. Conchita hat 150 Millionen Zuschauern deutlich vor Augen geführt, dass es mit der vollkommen eindeutigen Geschlechtszuschreibung so eine Sache ist. Tom Neuwirth, die Person hinter Conchita, hat unzweifelhaft eine Kunstfigur im besten Sinne geschaffen, weder Mann noch Frau – sondern uneindeutig, schlicht menschlich. Wer sich daran stört, womöglich sogar in der eigenen Sexualität oder Neuwirth zum Psychotherapeuten schicken möchte wie unlängst der Entertainer Alf Poier[2], der demonstriert damit nur ein Unbehagen, dass zu lange in der als sicher geltenden Definitionsdecke von Geschlechtlichkeit eingerollt war. Einer freiheitlichen Gesellschaft, die überkommende alte Zöpfe abschneiden will und sollte, gereicht dies nicht zur Ehre.

So ist der Sieg Conchitas natürlich auch ein politisches Statement, aber eben eins, dass als gesellschaftlicher Gradmesser fungieren kann. Der „Westen“ positioniert sich dadurch klar als Opposition zum „Osten“, der in der angespannten politischen Lage getrost mit Russland gleichgesetzt werden kann. So sind die Buh-Rufe, wann immer Russland für ein reichlich schlechtes Lied und eine schwache Performance eine hohe Punktezahl einfahren durfte, zwar nicht sonderlich sportlich, von einem rein emotionalen Standpunkt aber erklärbar. Natürlich ist dies ein irritierender Rückfall in Zeiten des Kalten Krieges und natürlich sind Situationen wie die Ukrainekrise komplexer als simple Schwarz/Weiß-Malerei, aber der ESC ist kaum eine Bühne zur tiefergehenden politischen Diskussion. Es regiert das emotionale Moment und dies hat sich am letzten Samstag in einem spontanen Bekenntnis zum Progressiven entladen. Selbst wenn man nicht so weit gehen möchte, ist die Diskussion nun entbrannt und womöglich denken nun mehr Menschen über das Konstrukt Geschlecht nach – es verletzt niemanden und verwandelt heterosexuelle Menschen auch nicht reihenweise in Homosexuelle. So sind die ätzenden Kommentare, die von russischen Politikern kommen, kaum mehr als verzweifelte Realsatire: Wenn man Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg besetzt gehalten hätte, dann wäre so etwas nie passiert.[3]

Eine Gesellschaft wird erst dann das Höchstmaß an Entwicklung erreicht haben, wenn ein Mensch wie Conchita auch nicht mehr Aufmerksamkeit erregt als jeder andere Teilnehmer einer Veranstaltung wie des ESC. Bis dahin sind die als Seismograph, Statement und Kampfansage gegen sinnlos-tradierte Rollenbilder unerlässlich.


[1] Mithu Sanyal: Barbiepuppe mit Bart
[2] Tiroler Tageszeitung Online: Song Contest 2014 – Poier über Wurst: „Verschwulte Zumpferl-Romantik“:
[3] RP Online: Russische Politiker schimpfen auf Conchita Wurst:  

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